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Warum bindungs- und bedürfnisorientierter Umgang wichtig ist.

person holding brown and black short coated dog

Ich war kürzlich alleine auf einem Festival unterwegs. Konzerte habe ich durchaus schon häufiger alleine besucht, aber ein ganzer Festivaltag war noch nicht dabei. An diesem Tag kam es zu verschiedenen körperlichen und verbalen Übergriffen durch Männer (catcalling, schubsen, am Arm herumreißen, heftig angerempelt werden etc.). In diesen Situationen alleine zu sein, hat etwas mit mir gemacht. Die psychischen Nachwirkungen dieser Erfahrungen waren noch lange zu spüren und ich war den ganzen Tag über angespannt, gereizt und in Habachtstellung. Mein Stresslevel war durchgängig hoch und ich hatte die Tendenz meine Umgebung als potentielle Bedrohung wahrzunehmen.

Den Folgetag verbrachte ich mit einem sehr lieben Freund und dessen Freundin. Ich erzählte ihnen von meinen Erfahrungen und dass sie mich erschöpft hatten. Ich bat darum, dass wir nicht so viel unternehmen, sondern vielleicht lieber einen ruhigen Tag verbringen und vielleicht ein Eis essen gehen könnten, da ich nicht in der Stimmung für Action war. Sie gingen mit viel Empathie auf meine Bedürfnisse ein, fragten mich, ob ich zusätzliche emotionale Unterstützung bräuchte und nach einem wunderbar entspannten Tag voller positiver sozialer Interaktionen konnte ich ohne Stress wieder nach Hause fahren.

Aber was hat das alles mit deinem Hund zu tun?

Viel, sehr viel sogar. Mir haben sie wunderbar gezeigt, wie es sich anfühlt, einerseits mit Stresssituationen alleine gelassen zu werden und andererseits dann Unterstützung auf der sozialen Ebene zu bekommen. Ich konnte in meinem Körper den Unterschied spüren, wie es ist, wenn man niemanden hat, an den man sich in der akuten Situation wenden kann und wie es ist, wenn man vom Gegenüber voll und ganz gesehen und angenommen wird. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich für meinen Hund keine sichere Bindungspartnerin bin, weil

  • ich nicht sehe, was er braucht
  • ich seine Bedürfnisse übergehe
  • ich seine Individualdistanz nicht respektiere
  • ich ihm gegenüber laut, übergriffig und gewaltvoll reagiere
  • ich ihn ständig in Situationen hineinzerre, denen er nicht gewachsen ist
  • ich ihn nicht unterstütze, wenn er mit unangenehmen Emotionen zu kämpfen hat
  • ich ihn Stresssituationen allein regeln lasse
  • ich seine Körpersprache nicht lesen kann

dann weiß ich, wie er sich in dieser Situation fühlt. Allein. Im Stich gelassen. Bedroht. Wütend. Traurig. Ängstlich. Gestresst. Angespannt. Verteidigungsbereit. Ohne Vertrauen.

Der zweite Tag hat mir dann gezeigt, wie es ist ganz offen und ehrlich sagen zu können, was ich brauche. Zu wissen, dass da jemand ist, der mich ganz genau kennt und sich die Mühe macht mich immer noch besser kennen lernen zu wollen. Der weiß, wie ich ticke und viele Dinge einfach schon so macht, ohne, dass ich darum bitten muss. Der im Zweifelsfall nachfragt, wenn etwas nicht klar ist. Der nicht wütend wird, wenn ich eine Grenze setze, sondern sagt, dass das ok ist. Der mich durch meine Emotionen begleitet, mir Raum und Nähe gibt, je nachdem, was ich gerade brauche. Ich konnte wieder durchatmen. Meine Muskelspannung ließ nach. Ich konnte wieder lachen. Ich konnte Gesellschaftsspiele spielen. Ich konnte mein Essen genießen. Mein ganzer Körper wurde wieder weich und entspannt. Wie fühlt sich also mein Hund, wenn

  • ich sein sicherer Hafen bin?
  • ihn lesen lerne und erkennen kann, wo er Unterstützung braucht und was er schon alleine schaffen kann?
  • ich ihn nicht im Stich lasse, wenn seine Emotionen mal mit ihm durchgehen, sondern verlässlich an seiner Seite bleibe?
  • ich ihm zeige, dass es ok ist auch mal wütend, verzweifelt oder frustriert zu sein?
  • ich ihm Nähe anbiete, aber nicht aufdränge?
  • ich ihn mit Dingen überraschen kann, die ihm Freude bereiten?
  • ich sein Fels in der Brandung und sein sicherer Hafen bin?
  • ich ihm zeige, dass er sich in seiner Not immer an mich wenden kann?
  • ich ihn nach seinen Stärken fördere und ihm helfe mit seinen Schwächen umzugehen?
  • ich ihn einfach so annehme, wie er ist, ohne seinen innersten Kern verändern und ihn in eine Form pressen zu wollen?

Vermutlich fühlt er sich sicher. Vertrauensvoll. Gehalten. Mutig. Selbstbewusster. Entspannter. Neugieriger. Offener. Freundlich gestimmt. Optimistischer.

Bindung ist die Basis für ein erfülltes, gemeinsames Leben

Und eine sichere Bindung entsteht nur, wenn ich die oben genannten Punkte einhalte und berücksichtige. Sie entsteht nicht durch unangenehme Strafen (oder „Korrekturen“), Rangreduktionsmaßnahmen, Rudelführergedöns, „soziale Konflikte“ (wie in bestimmten Kreisen gerne mal behauptet wird) oder allgemeine Ignoranz. Bindungsarbeit erfordert, Zeit, Energie, Wissen und viel Geduld. Aber es lohnt sich. Wenn dein Hund dir zum ersten Mal zeigt, wie er dir vertraut. Wenn du ihn in seiner Angst beruhigen kann. Wenn du der Hafen bist, in den er zurückkehrt, wenn das Meer zu viele Wellen schlägt.

Bitte sei dieser Hafen. Immer. Ein Leben lang.